Das Haus hat jetzt ein Handbuch

Dienstag, 21:47 Uhr, Hotelzimmer in München

Das Handy klingelt. Meine Frau. „Die Heizung ist an, aber im Wohnzimmer ist es eiskalt. Was muss ich machen?“

Ich sitze 500 Kilometer entfernt und versuche, per Telefon eine Ölheizung zu bedienen, die ich selbst nur deshalb verstehe, weil ich sie seit Jahren jeden Herbst anfluche. „Siehst du das orange Ding? Nein, das andere orange Ding. Da ist ein Drehrad …“ Wer so ein Gespräch schon einmal geführt hat, weiß: Danach sind beide Seiten erschöpft und das Wohnzimmer ist immer noch kalt.

Genau deshalb gibt es bei uns jetzt eine Hausdoku. Ein digitales Handbuch für unser Haus, in dem steht, wie Heizung, Pumpen, Enthärtungsanlage, Netzwerk und der ganze Rest funktionieren. Und vor allem: was man tut, wenn sie es nicht tun. Gebaut habe ich das Ganze mit BookStack, einer freien Wiki-Software, die ich selbst zu Hause betreibe. Und das Beste kommt am Ende: QR-Codes direkt an den Geräten.

Das Wissen steckt im Kopf. Und der ist nicht immer zu Hause.

In der IT gibt es den Begriff Bus-Faktor: Wie viele Leute müssen vom Bus überfahren werden, bis ein Projekt stillsteht? In vielen Haushalten liegt dieser Wert bei exakt 1. Bei uns lag er jedenfalls dort.

Das ist kein reines Problem von Dienstreisen. Man kann krank werden, im Krankenhaus liegen, oder es passiert einem etwas Ernsteres. Darüber denkt niemand gern nach. Aber gerade dann sollte die Familie nicht zusätzlich vor einer Heizung stehen, die nur ich bedienen kann.

Besonders kritisch wird es, wenn man sein Zuhause so betreibt wie viele von uns Technikbegeisterten:

  • Docker-Container für Hausautomatisierung, DNS, Medienserver und Dinge, deren Namen niemand außer mir aussprechen kann
  • Eigene Hardware: Sensoren, Aktoren, Steuergeräte, irgendwo ein Raspberry Pi hinter dem Schrank
  • Individuelle Programmierungen: Automationen, Skripte, Regeln, die „eigentlich ganz logisch“ sind, wenn man sie geschrieben hat
  • Netzwerk: VLANs, feste IPs, Router-Konfigurationen

Für mich ist das ein Hobby. Für meine Frau ist es eine Blackbox, die gelegentlich das Licht nicht einschaltet. Wer so etwas baut, trägt Verantwortung für die Menschen, die damit leben. Ein schlaues Haus, das nur einer versteht, ist im Ernstfall dümmer als ein ganz normales.

BookStack: ein Wiki, das sich wie ein Bücherregal anfühlt

BookStack ist eine Open-Source-Software für Dokumentationen. Man betreibt sie selbst, sie kostet nichts und läuft im Browser, auf dem PC genauso wie auf dem Handy.

Was BookStack von vielen anderen Wikis unterscheidet, ist die Ordnung. Statt eines endlosen Seitengewirrs gibt es eine Struktur, die jeder sofort versteht, weil sie aus der echten Welt stammt:

  1. Regale – die großen Themenbereiche, z. B. „Haustechnik“
  2. Bücher – ein Gerät oder ein Thema, z. B. „Ölheizung“
  3. Kapitel – optionale Unterteilung innerhalb eines Buchs
  4. Seiten – die eigentlichen Anleitungen, z. B. „How-To: Öllieferung“

Meine Frau musste sich nicht erst in ein System einarbeiten. Regal, Buch, Seite: Das kennt man aus der Bibliothek, aus dem Wohnzimmer und notfalls aus dem IKEA-Katalog.

Was BookStack kann und warum es für eine Hausdoku passt

Kostenlos und selbst gehostet. BookStack ist Open Source und läuft bei mir als Docker-Container auf meinem Heimserver. Die Daten bleiben im Haus, kein Abo, keine Cloud, die irgendwann ihr Preismodell ändert.

Ein Editor, den jeder bedienen kann. Seiten schreibt man in einem WYSIWYG-Editor wie in Word. Wer lieber Markdown tippt, kann auch das. Bilder fügt man per Copy-and-paste oder Drag-and-drop ein. Das ist wichtig, denn ein Foto vom richtigen Schalter ersetzt drei Absätze Beschreibung.

Eine Suche, die tatsächlich findet. Die Volltextsuche durchsucht alle Regale, Bücher und Seiten. Wer „Salz“ eintippt, landet bei der Enthärtungsanlage. Wer „kalt“ eintippt, hoffentlich beim Troubleshooting der Heizung.

Tags. Seiten und Bücher lassen sich verschlagworten, etwa mit „Heizung“, „Pumpe“ oder „Wartung“. So findet man Zusammenhänge auch quer durch die Regale.

Versionsverlauf. Jede Änderung wird gespeichert. Wenn ich nachts um eins eine Anleitung „verbessere“ und am nächsten Morgen merke, dass sie vorher besser war, ist die alte Version nur einen Klick entfernt.

Benutzer, Rollen und Berechtigungen. Meine Frau hat einen eigenen Zugang. Ich lege fest, wer was lesen und bearbeiten darf, bis hinunter auf einzelne Seiten. Die Netzwerk-Konfiguration muss nicht jeder ändern können.

Diagramme. Mit dem eingebauten draw.io-Editor zeichnet man Netzwerkpläne oder Rohrverläufe direkt in die Seite. Habe ich aber selbst noch nicht gemacht.

Export. Jede Seite und jedes Buch lässt sich als PDF, HTML, Markdown oder Text exportieren. Mein Tipp dazu: Die wichtigsten Notfall-Anleitungen zusätzlich ausdrucken und neben das Gerät legen. Denn eine Hausdoku, die auf einem Server läuft, hilft wenig, wenn der Strom weg ist.

Läuft auf dem Handy. Die Oberfläche passt sich an kleine Bildschirme an. Im Heizungskeller hat niemand einen Laptop dabei.

So sieht unsere Hausdoku aus

Unsere Hausdoku hat drei Regale:

  • Haustechnik – Heizung, Pumpen, Steuergeräte, Aktoren, Hausautomatisierung, Alarm
  • IT – Internetanbindung, Verkabelung, Netzwerkdienste, Konfigurationen, Troubleshooting
  • Wartung – Dinge, die regelmäßig im Laufe des Jahres erledigt werden müssen

Jedes Regal bekommt ein echtes Foto. Das klingt nach Spielerei, hilft aber enorm: Wer das Bild vom orangefarbenen Kessel sieht, weiß sofort, dass er im richtigen Regal ist.

Im Regal Haustechnik steht für jedes Gerät ein eigenes Buch: die Regenwasserpumpe, die Enthärtungsanlage und natürlich die Ölheizung.

Die Beschreibungen dürfen ruhig menschlich sein. Die Enthärtungsanlage „entkalkt Trinkwasser und braucht regelmäßig Salz“. Mehr muss man im ersten Moment nicht wissen. Und die Ölheizung? „Konvertiert Öl zu Wärme. Wie Jesus.“ Theologisch gewagt, aber man merkt es sich.

Im Buch Ölheizung liegen dann die eigentlichen Anleitungen:

  • How-To: Öllieferung (Spoiler: Heizung vor dem Tanken komplett ausschalten)
  • How-To: WINTER – Heizung in den Heizmodus bringen
  • How-To: SOMMER – Heizung auf reine Warmwasserbereitung umstellen
  • How-To: Funktion der Heizung kontrollieren (Vorlauf- und Rücklauftemperatur)
  • Troubleshooting: Keine oder falsche Raumwärme trotz aktivem Heizungsbetrieb

Die Seiten folgen einem einfachen Muster: How-To für Dinge, die man planbar erledigt. Troubleshooting für Dinge, die gerade kaputt sind. Das Troubleshooting beginnt immer mit dem Symptom, also mit dem, was man sieht oder spürt: „Die Heizung läuft, es gibt keine Fehlermeldung, aber in den Räumen ist es trotzdem kalt.“ Genau so würde meine Frau das Problem am Telefon beschreiben. Also steht es auch genau so in der Doku.

Außerdem sinnvoll: „Wo ist…“-Seiten. Diese liefern Antworten auf zeitkritische Fragen direkt in der ersten Zeile mit Bild. Zum Beispiel „Wo ist der Hauswasseranschluss“, wenn gerade irgendwo ein Rohr geplatzt ist.

Der Clou: QR-Codes direkt am Gerät

Die beste Doku nützt nichts, wenn man sie erst suchen muss. Wer im Keller vor einer Anlage steht, will nicht durch Regale klicken. Deshalb klebt an jedem dokumentierten Gerät ein QR-Code.

Ein Beispiel: Meine Frau steht im Frühjahr in der großen Garage vor der Regenwasserpumpe. Sie zückt das Handy, scannt den Code und landet direkt auf der Seite „Regenwasserpumpe in Betrieb nehmen“. Kein Suchen, kein Anruf, kein „Welche Pumpe meinst du?“.

Das funktioniert so:

  1. Jede Seite und jedes Buch in BookStack hat eine feste, sprechende URL.
  2. Aus dieser URL erzeuge ich einen QR-Code, z. B. mit einem beliebigen QR-Generator.
  3. Der Code wird ausgedruckt, am besten laminiert oder auf wetterfestes Etikett, und gut sichtbar ans Gerät geklebt.
  4. Daneben steht kurz, wohin er führt, z. B. „Anleitung Regenwasserpumpe“.

Ein Tipp: Verlinkt lieber auf das Buch statt auf eine einzelne Seite. So landet man bei allen Anleitungen zu diesem Gerät, und der Code bleibt gültig, auch wenn man Seiten umbenennt oder neue hinzufügt.

Wichtig: BookStack läuft bei uns nur im Heimnetz. Das Handy muss also im WLAN sein, damit der Code funktioniert. Für den Keller ohne Empfang lohnt sich ein Blick auf die WLAN-Abdeckung, bevor man sich über die Technik ärgert. Und wer von außen zugreifen will, sollte das sauber über ein VPN lösen und nicht einfach einen Port öffnen.

Acht Tipps für eine Hausdoku, die wirklich benutzt wird

  1. Schreibt für die Person, die es lesen soll. Nicht für euch. „Vorlauftemperatur prüfen“ ist für mich klar. Für meine Frau ist „Das linke Thermometer am Kessel sollte über 50 Grad zeigen“ klarer.
  2. Fotos, Fotos, Fotos. Jeder Schalter, jedes Ventil, jedes Display. Ein roter Pfeil im Bild ist mehr wert als jede Formulierungskunst.
  3. Vom Symptom her denken. Niemand sucht nach „Mischerstellung Heizkreis 1″. Man sucht nach „Wohnzimmer kalt“.
  4. Klare Seitentypen. How-To für Planbares, Troubleshooting für Störungen. Das macht die Doku vorhersehbar.
  5. Ansprechpartner dokumentieren. Heizungsbauer, Elektriker, Ölhändler, Internetanbieter, mit Telefonnummer und Kundennummer. Manchmal ist die beste Anleitung: „Ruf diese Nummer an.“
  6. Auch die Bastelei dokumentieren. Welcher Container macht was? Wo läuft er? Wie startet man ihn neu? Und was passiert, wenn man es einfach lässt? Die ehrliche Antwort „Dann geht das Licht trotzdem, nur nicht automatisch“ beruhigt ungemein.
  7. Mit der Zielgruppe testen. Lasst die Anleitungen von denen gegenlesen, für die sie gedacht sind. Jede Stelle, an der nachgefragt wird, gehört umgeschrieben. Kein Review ist ehrlicher.
  8. Auch Doku für das Mastermind. Auch mir schadet eine zentrale Doku nicht für meine Themen: VLANs, Routings, IP-Adressen, Subnetze, VPN-Configs. In Bookstack besser organisiert als in 14 verschiedenen Word- und Exceldokumenten.

Fazit: Das schönste Smarthome-Projekt ist das, das ohne mich funktioniert

Die Hausdoku war kein Wochenendprojekt, das man einmal fertig macht. Sie wächst mit jedem Gerät, jeder Störung und jedem „Ach, das hätte ich auch mal aufschreiben sollen“. Aber der Aufwand ist überschaubar, und BookStack macht es einem wirklich leicht: ein Container, eine verständliche Struktur, ein Editor ohne Lernkurve.

Der eigentliche Gewinn ist nicht technisch. Es ist das gute Gefühl auf der Dienstreise, dass zu Hause niemand hilflos vor einer kalten Heizung steht. Und das noch bessere Gefühl, dass meine Familie auch dann klarkommt, wenn ich einmal gar nicht mehr anrufbar bin.

Wer zu Hause Docker-Container, Eigenbau-Hardware und selbst geschriebene Automationen betreibt, dem lege ich das ans Herz: Dokumentiert es. Nicht für euch, sondern für die Menschen, mit denen ihr lebt. Euer Haus mag smart sein. Aber erst mit einer guten Doku ist es auch familientauglich.

Und falls das Telefon doch mal klingelt: „Scan einfach den QR-Code an der Heizung.“ Schönster Satz, den ich je auf einer Dienstreise gesagt habe.